Angst vor der Abschiebung

Aktualisierung vom 20.12.2013:

Hr. Zadran hat 2009 über die Klage im Asylfolgeverfahren eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen.  Er lebt und arbeitet in Freiburg.

 

Anja Bochtler, Badische Zeitung: 23. Dezember 2008

Samargol Zadran, Foto: Rüstungsinformationsbüro

FREIBURG. Sein Lächeln ist ratlos geworden. „Was kann man machen?“ Das fragt  sich Samargol Zadran, 23, den ganzen Tag, und auch nachts kommt er schwer zur Ruhe. Schlafstörungen, ständige Kopfschmerzen, Angst – seit kürzlich sein Asylfolgeantrag abgelehnt wurde, ist der junge Afghane, der erst in Kirchzarten lebte und jetzt in Freiburg wohnt, einmal mehr in seinem Grundgefühl bestärkt: „Ich habe kein Glück.“ Obwohl er psychotherapeutische Hilfe braucht, will ihn das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge ins krisengeschüttelte Afghanistan abschieben.

An prominenten Unterstützern mangelte es Samargol Zadran nie. Neu hinzugekommen sind nun unter anderem Herbert Schmalstieg (SPD), der Ex-Oberbürgermeister von Hannover, und der Afghanistan-Kenner und frühere CDU-Politiker Jürgen Todenhöfer, der sich in einem Brief an Innenminister Heribert Rech (CDU) für den Flüchtling einsetzt. Samargol Zadrans Geschichte hat schon viele betroffen gemacht (die BZ berichtete).

Mit 18 floh er aus Afghanistan, weil sein Vater und ein Bruder von Mitgliedern eines mit der Familie verfeindeten Stammes ermordet wurden. Alleine kam er nach Deutschland, und obwohl er Analphabet war, lernte er schnell Lesen und Schreiben und arbeitete als Küchenhelfer. Diese „vorbildliche Integration“ beeindruckte seinen breiten Unterstützerkreis – darunter mit Kerstin Andreae (Grüne) und Gernot Erler (SPD) zwei Bundestagsabgeordnete.

Mit Hunderten Unterschriften für ein Bleiberecht wandte sich Samargol Zadran an die Härtefallkommission des Landes. Die Mehrheit der neun Mitglieder der Kommission stimmte zwar für ein Bleiberecht, doch das Innenministerium kam dieser Empfehlung nicht nach. Innenminister Heribert Rech argumentierte, dass Samargol Zadran seinen Schulabschluss beim „Römerhof“, der internationalen Hauptschule des Caritasverbands, frühestens im Schuljahr 2009/2010 machen könne – das sei „zu wenig zeitnah“, um die Entscheidung günstig beeinflussen zu können.

Caritas: „Abschiebungen wären fahrlässig“

Als Samargol Zadran von der Ablehnung erfuhr, brach er zusammen und wurde in einer psychosomatischen Fachklinik behandelt. Atteste, die seine psychische Traumatisierung und die Gefahr einer Retraumatisierung bei einer Rückkehr belegen, wies das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge nun mit dem Asylfolgeantrag zurück. Und was ist mit der derzeitigen Situation in Afghanistan? In Hamburg hat CDU-Innensenator Christoph Ahlhaus kürzlich ein befristetes Bleiberecht für Afghanen beschlossen, weil eine Ausreise „gegenwärtig und absehbar auch zukünftig nicht zumutbar“ sei. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge sieht das anders: Zwar könnten bei Samargol Zadrans Rückkehr „Gefahren für Leib und Leben nicht völlig ausgeschlossen werden“, lautet die Argumentation im Ablehnungsbescheid, doch die Lage in Afghanistan sei „nicht derart schlecht, dass jeder Rückkehrer gleichsam sehenden Auges dem sicheren Tod oder schwersten Verletzungen ausgeliefert würde“.

Die Afghanistan-Experten von Caritas International können solche Entscheidungen nicht nachvollziehen. Seit 2005 warnen sie vor Abschiebungen in das Land, wo sich die Situation „systematisch verschlechtert“ hat. Das gilt besonders für psychisch traumatisierte Menschen, betont Afghanistan-Referent Thorsten Hinz in einem Brief: „Abschiebungen wären fahrlässig“.

Thorsten Hinz widerspricht der Behauptung des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge, psychisch traumatisierte Rückkehrer könnten in Kabul in psychosozialen Zentren von Caritas International behandelt werden: Die Angebote, die etwa 1000 Klienten erreichten, seien „ausdrücklich nicht klinisch oder psychiatrisch“, fachliche Behandlung von psychischer Traumatisierung sei nicht möglich.

Wird Samargol Zadran trotzdem abgeschoben? Theoretisch sei das möglich, sagt Ansgar Fehrenbacher vom Regierungspräsidium Freiburg. Allerdings fehlen noch gültige Papiere, die in Afghanistan derzeit schwer zu beschaffen seien. Deshalb sei in diesem Jahr niemand und 2007 nur ein Flüchtling aus der Region abgeschoben worden.

Samargol Zadran hat sich jetzt mit einer Klage an das Verwaltungsgericht gewandt. Dort ist wieder die Richterin für ihn zuständig, die schon einmal über ihn entschieden hat – negativ.

You're at the bottom!